Der Anruf

»Meine Mutter reist in fünf Wochen in den Iran. Ich soll sie begleiten. Wollt ihr mitkommen?«, fragte Freundin Nancy am Telefon.
Mir verschlug es die Sprache.
»Ich lade dich ein«, schob sie hinterher.
Das kam unerwartet, obwohl sie früher Andeutungen gemacht hatte, dass sie mich gern mitnehmen würde.
»Hm, eher nicht. Nein ich komme nicht mit. Das ist zu kurzfristig. Und überhaupt, ich bin überzeugt, dass mein Mann nicht mag. Ihm geht es derzeit nicht so gut.«
Sie schwieg am anderen Ende der Leitung.
»Und außerdem fliegen wir bald nach Le Vernet«, fügte ich hastig hinzu. Zusätzlich fiel mir ein: »Danach planen wir, Urlaub in Skandinavien zu machen.«
»Du kannst es dir ja noch mal überlegen«, war ihre diplomatische Antwort.
Ich hatte Recht. Ich stieß bei meinem Mann auf erheblichen Widerstand. Er meinte zwar, ich könne ohne ihn fahren, doch ihn ziehe es nicht dorthin.
Ich beschloss, bei ihm zu bleiben. Die Reise wäre nicht nur in psychischer Hinsicht anstrengend, sondern von der Kürze der Vorbereitungszeit her stressig. Seit drei Jahren kämpften wir gegen Erschöpfungszustände und Antriebslosigkeit an.
Unser Sohn Jens hatte bei einem Flugzeugabsturz in den südfranzösischen Alpen nahe Le Vernet sein Leben verloren. Der Copilot schmetterte willentlich die Maschine an eine Bergwand. Keiner der Insassen überlebte.
Infolge des fürchterlichen Ereignisses lernte ich Nancy kennen. Sie ist eine ferne Verwandte eines der beiden iranischen Opfer, die in dem Flugzeug sterben mussten. Sie spricht Farsi, da sie in einem persisch geprägten Elternhaus in Deutschland aufgewachsen ist. Ihre Eltern kamen in den sechziger Jahren nach Deutschland, weil ihr Vater mit Orientteppichen handelte, und jetzt lud sie uns ein, mit ihr in die Heimat ihrer Wurzeln zu fliegen. Sie war schon öfters dort.
Mir war bewusst, dass ich mit der negativen Absage eine einmalige Chance vertan habe. Vor dem Tod von Jens hätte ich anders reagiert.
Eines Tages erzählte ich vor versammelter Familie von dem Angebot. Meine flotte Schwiegertochter sagte nur: »Und warum machst du’s nicht?«
Das brachte eine Gedankenlawine ins Rollen. Ich grübelte. Die Reise in das ferne Land würde eine willkommene Ablenkung von der schmerzenden Trauer sein. Das war genau das, was die mitfühlende Freundin wollte: Eine Freude bereiten.
Schlagartig änderte ich die Meinung und verkündete mit wohligem Unterton in der Stimme: »Ich werde den Iran kennenlernen.«
Wenngleich ich meinen Mann nicht überzeugen konnte mitzureisen, unterstützte er mich tüchtig.
Zog ich den unmittelbar bevorstehenden Aufenthalt in Le Vernet ab, blieben in der Summe nur zwei Wochen bis zum Abflug nach Teheran.
Das Kopftuch, das ich in dem islamischen Land tragen musste, war gewöhnungsbedürftig. 18.10.20_wieso in den iran_der anruf_190111_104748Selbst an frostigen Wintertagen hasse ich jegliche Kopfbedeckungen. Trotzdem würde ich mich den Gepflogenheiten des Gastlandes anpassen, erwarte ich doch ebenso, dass Besucher Deutschlands, egal woher sie kommen, unsere Gewohnheiten und Gesetze respektieren.
Wenige Tage nach der Zusage ließ ich mich mit einem Reiseführer »Iran« in der Hand und einem Tuch um den Kopf geschlungen fotografieren. Ich sah echt brav aus, wie mir meine Freundin bestätigte.
Mit dem Foto teilte ich Freunden und Bekannten mit, dass ich gedenke, in den Iran zu fliegen. Was für eine Skepsis schlug mir entgegen! Ich wurde mit Bemerkungen konfrontiert wie: »Das du dir das getraust! … »Du bist ganz schön mutig.« …»Der Islam ist unberechenbar.« … »Denk doch mal an die Politik, an Trump, Embargo, Israel – das kann gefährlich werden. …« … »Hast du keine Angst?«, usw.
Nein, die Bedenken waren mir fremd. Was sollte schon passieren? Ich wuchs in der DDR auf und hatte gelernt, mich unliebsamen politischen Strukturen anzupassen. Außerdem würde ich als Touristin in den Iran reisen.
Und was Gewalt und Terror angehen, könnte ich ebenso in Europa jederzeit an jedem Ort ums Leben kommen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass in Deutschland folgenreiche Erdbeben ausbrechen, extrem geringer. Dafür punkten wir zunehmend mit schweren Waldbränden, Überschwemmungen und todbringenden Stürmen.
Nirgendwo ist der Mensch sicher.
Nur wenige der Deutschen teilten meine Begeisterung, das islamische Land kennenzulernen.
Die Familie des zweiten iranischen Absturzopfers, die ich bereits in Deutschland kennengelernt hatte, freute sich auf den angekündigten Besuch bei sich zu Hause in Teheran. Sie verlor bei der Katastrophe ihren Sohn.
Sie meinten zu dem Foto, das mich mit Tuch und neu erworbener Kleidung zeigte: »You Look great in these clothes.«
Das beruhigte, denn die islamische Kleiderordnung verunsicherte und erschwerte Überlegungen, welche Bekleidung ich in den Koffer packen sollte.
© Brigitte Voß

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